Rattennest 15.09.2011 Lake Creek-Wildernes Villages: 56,50 km

von Klaus Lüttgen (Kommentare: 0)

Rattennest
15.09.2011 Lake Creek-Wildernes Villages: 56,50 km

Ein kalter schöner Morgen. Eingefroren liegt mein „Fresssack“ etwa zehn Meter vom Shelter
entfernt auf dem Brennholz-Häuschen in ca. 2,70 Meter Höhe. Für einen großen Grizzly
durchaus zu erreichen…..ich darf gar nicht dran denken. Doch bei meiner Ankunft
gestern war ich einfach zu müde, um noch einen geeigneten Baum zu suchen.
Ebenfalls steif gefroren, steige ich auf das Häuschen und befreie den Sack erst
einmal vom Eis. Bald schon lasse ich mir meinen zuckersüßen Kakao schmecken.
Nur ganz langsam tauen meine kalten Knochen auf und ich spüre im wahrsten Sinne
des Wortes wie meine Lebensgeister erwachen. Nach einem guten Frühstück,bestehend aus
drei großen Portionen Haferflocken und einem Haufen Mountain Food, einem
Gemisch aus verschiedenen Nüssen mit Rosinen geht es mir etwas besser. Schnell
habe ich Kontakt zu den beiden Franko-Canadiern Caroll und Alain aus Quebec.
Die beiden Abenteurer sind seit Wochen mit ihrem Kanu auf verschiedenen Flüssen
hier im Yukon unterwegs und letzten Abend im Dunkeln hier eingetroffen. Ich
konnte noch hören wie sie in der Nacht ihr Camp nahe des Shelter aufbauten. Später
nachdem der Yukon-Ofen angeheizt ist, haben wir ein sehr interessantes Gespräch,
dabei wird auch das Verhältnis der US-Staaten und Kanada nicht ausgelassen. Die
beiden können ebenso wie ich gar nicht verstehen, wieso mir der Kerl gestern
das Trinkwasser nicht geben wollte. Wir sind uns einig.So etwas kommt einer Sünde gleich,einem Menschen das wichtigste Nahrungsmittel zu verweigern. Trinkwasser!
Für die schöne Unterhaltung verschenke ich Caroll und Alain einen Orden. Cinema Colonia
von der Großen Allgemeinen
Karnevalsgesellschaft
dann trennen sich unsere Wege.
Einige Tage später und ein paar hundert km weiter werden sich erneut
unsere Wege kreuzen. Sie werden mich auf dem Kluane Highway überholen und
hupend an mir vorbeifahren. Vielen Dank für die warmherzige Begegnung heute an
diesem kalten Morgen. Gute Fahrt ihr beiden Abenteurer! So, jetzt
muss ich aber weiter, es sind schon 13.00 Uhr. Durch die niedrige Temperatur
werde ich nicht richtig warm heute. Bin ich froh, dass es bis Wilderness
Village, was immer das auch sein mag, nicht mehr weit ist. Einsam ist es hier
in der menschenleeren Wildnis nahe des Kluane National Parks, sehr sehr einsam!
Wenn ich vom Rad absteige, nur mal eben zum pinkeln ein paar Meter durch die
Büsche laufe, stelle ich mir vor, was passiert, wenn ich dabei z.B. einen
Abhang runterrutsche und mich dabei ernsthaft verletzen, mir mein Bein verletze
oder ich unerwartet auf einen Bären treffen würde,…..fest steht, finden würde
mich so schnell Niemand. Diese Tatsache rückt mir, zumal es kälter wird, immer mehr
in mein Bewusstsein, wird ständiger Begleiter meiner Gedanken. Das Wetter braucht
nur umzuschlagen, starker Regen der in Schnee übergeht, ein Schneesturm--------Whiteout,
was dann!? Dann ist auf jeden Fall Schluss mit lustig. Nein, ich bin überhaupt nicht der
Typ der schnell Angst bekommt oderaufgibt, jedoch stellt sich mir diese Frage nach dem
Überleben hier in dieser abgeschiedenen Region des Yukon nun automatisch. Seit fast hundert Tagen
bin ich in Kanada und Alaska unterwegs.Die ständige Auseinandersetzung mit den
Wetterbedingungen schärfen in mir dieses Feingefühl….und das ist wichtig und gut so.
Es ist still in den Bergen. Kein Elch, Caribou, kein Bär oder gar Wolf zu sehen .Ich sehe nur die
weite Ebene, riesige Wälder und die Ausläufer der Kluane-Berge. Der Highway 1 schlängelt sich
durch das endlos lange,wunderschöne Hochtal, ich kann sie riechen, die Einsamkeit. Nach
gut 56 km erreiche ich eine, na sagen wir, kleine Siedlung. Doch was ist das!?
Auf meiner Karte ist nichts weiter angegeben als ein Ort mit der Bezeichnung
Wilderness Village. Muss wohl irgendwann bessere Zeiten gesehen haben diese „Lodge“
denke ich mir. Das Ganze hier erweckt den Eindruck als käme ich geradewegs durch
eine  verlassene Goldgräbersiedlung. Es fehlen nur noch diese typischen Steppenläufer
(Grasbüschel), die wie in den Westernfilmen über den Highway rollen, dann wäre die Szenerie perfekt!
Etwa 20 Hütten stehen auf der linken Seite des Highways, zwischen den Hütten ein Salon.
Alles scheint seit einigen Jahren unbewohnt, die Scheiben und Türen an einigen
Hütten eingetreten und vor den Eingängen steht meterhohes Gras. Auf der anderen
Seite des Highways eine verlassene Tankstelle. Das Schild der Lodge hängt halb
abgerissen kopfüber der Straße. Dort stehen ein paar rostige Autos und
dazwischen arbeitet jemand an einer alten Karre. „Hi, my name is Klaus“. Ron
ist sein Name. Mit seinem öligen Hemd und dem 3 Wochen-Bart, sieht er genau so
verlebt aus wie diese heruntergekommene Lodge hier. „Ist das Dein Anwesen hier?
Kann ich auf deinem Grundstück vielleicht mein Zelt aufbauen“. „Kein Problem,
aber es wird kalt“ meint Ron. Ungestört flext er weiter an seinem Auto, so als
wäre ich gar nicht mehr da. Ein seltsamer Typ. Da kommt mir eine Idee. Es ist
verdammt kalt und die Sonne geht bald unter. „He Ron, kann ich vielleicht in
einer deiner Hütten übernachten, ich gebe Dir 30 Dollar“. Er schaut auf: „Klar,
kick einfach eine der Türen auf, gibt kein Wasser, kein Strom“. Ich reiche ihm
die Dollars, schnell steckt er diese ein und flext weiter. Ich bin sehr müde
und so habe ich nicht lange überlegt und Ron die Dollars einfach direkt in die
Hand gedrückt ohne mir die Hütten genauer anzusehen. Jetzt wo ich vor den
Cabins hin und her laufe, könnte ich mich selbst in den Hintern treten. Als ich
durch die wenigen noch intakten Fenster blicke läuft mir ein kalter Schauer
über den Rücken. Ratten!!! Ratten haben das Innenleben der Hütten, die
Matratzen regelrecht zerfressen und beschissen. Ekel kommt auf in mir doch um abzuhauen ist es jetzt zu spät! Die Sonne geht
bald unter, ich komme heute nicht mehr weiter.
Ron, der meine Unentschlossenheit irgendwann bemerkt, kommt die wenigen Meter
mit seinem Truck über die Straße gefahren. Mit einem Karton voll Schlüssel versucht er zunächst
vergebens, einer der Hütten aufzuschließen. Irgendwann lässt sich eine der
Türen öffnen, dann ist Ron auch schnell wieder verschwunden. Was ich da sehe
ist Grauenvoll! und das ist wohl einer der besseren Hütten. Im Klo liegt überall Rattenkot,
an der Decke schwebt Spinnengewebe. Die Bude ist viele Jahrenicht gelüftet worden.
Die beiden Matratzen auf dem Drahtgestell sind zerrissen und voller Flecken.
Was machen!? Fakt ist, ich bin kaputt und müde. Fakt ist, es wird dunkel und ich habe Hunger!
Als ich später noch einmal nach draußen gehe, höre ich ein Rascheln,
dann sehe ich eine von ihnen, eine richtig dicke fette Ratte. Ich durchsuche die Bude,
kann jedoch nirgendwo ein Schlupfloch entdecken.Die Ratten so hoffe ich jedenfalls waren hier, als die Hütte irgendwann mal offen stand. Großflächig lege ich die Matratze mit meiner
Bauplane aus, dann erst als ich sicher bin das mein Schlafsack die Matratze nicht
berühren wird, lege ich ihn aus. Was ich dann in dieser Nacht träume lässt, sich
in keine Worte fassen……und geschlafen habe ich fast gar nicht. Am nächsten
Morgen will ich nur noch eins: so schnell wie möglich weg hier aus diesem Rattennest und raus aus dem
Albtraum Wildernes Village!

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Kommentar

Kommentar von Opitz Christine |

Hallo Klaus,
das war ein Abend heute,
spannend, interessant.
Hatte mir schon lange vorgenommen, Deine Berichte zu lesen, heute war es soweit.
Mann, was Du da geleistet hast, es ist enorm. Das Wetter, die Bärbegegnungen, aber die tollen Menschen. Das kenne ich, als ich 3 Wochen in Alaska mit dem Auto unterwegs war, ich kenne auch viele Strecken, die du gefahren bis, auch den Thompson Pass, Valdez, Peter kamper habe ich in Fairbanks verpasst, diese Einsamkeit, hatte nicht mehr viel Zeit, zu warten, weil ich in Dawson am übernächsten Tag verabredet war, Du, ich bewundere Dich sehr, diese Kälte, ...nun freue ich mich noch mehr auf Deinen Film, schön haste das geschrieben.
Liebe Grüsse Christine