Whitehorse bis Fairbanks

von Klaus Lüttgen (Kommentare: 0)

Bevor es weitergeht, decke ich mich noch mit Proviant ein, denn viele Gelegenheiten nachzutanken wird es nicht geben auf den nächsten ca.480 km bis Dawson City. Am Supermarkt von Whitehorse treffe ich auf zwei Musiker. Kurze Zeit später sitzen wir zusammen und gemeinsam bringen wir ein "Ständchen". Wo immer ich mit meinem Karnevalszug aufkreuze, sorge ich für Aufsehen. Alle wollen wissen, was es denn mit meinem ungewöhnlichen Gefährt auf sich hat. Z.B. Linn,
als sie aus der Bücherei von Whitehorse auf mich zukommt, greift sie unverzüglich zum Cell-Phone und meldet mich für eine Übernachtung bei Freunden unweit von Whitehorse an. Ihr Freund Chris bietet mir dann gerne seine Cabin als Nachtlager an. In Pelly Crossing, Zwischenstation des weltweit bekannten Yukon-Quest-Schlittenhunde-Rennen, lerne ich Gabriel kennen.Gabriel ist Lehrer und unterrichtet hier, an diesem abgeschiedenen Ort, die First-Nation in Computerwesen.
Gabriel hilft mir meine Film-Clips zu sichern. Als ich später bei ihm übernachte, erzählt er mir mehr aus seinem Leben. So unterhalten wir uns auch über die problematische Situation der Menschen hier im Yukon. Gabriel kommt viel herum in der Welt und arbeitete auch als Entwicklungshelfer in Afrika.Hier nach Pelly Crossing, komme ich garantiert zurück! Zwei Tage später begegne ich auf dem einsamen Highway Richtung Dawson City einem Trucker. Als er mich erkennt macht er glatt eine Vollbremsung und hält mir 20 Dollar entgegen. „Hab von Dir im Whitehorse Star gelesen“. Das kommt mir dann doch etwas zu direkt und verlegen lehne ich ab. Stattdessen schenke ich ihm für seine freundliche Aufmerksamkeit einen Satz Festabzeichen vom Kölner Festkomitee und mache einen Filmclip mit ihm. Mit einem kurzen Wink bedankt sich der Mann, jemand der First Nation, und setzt seine Fahrt fort. Ich befinde mich nun im Herzen des Yukon, dementsprechend sind die Witterungsverhältnisse und das Wetter nimmt keine Rücksicht auf Radfahrer! Unbedingt will ich heute noch Dawson erreichen und werde dann knallhart eines besseren belehrt. Auf der Fahrt aus den Bergen ins Tal wird es dunkel und bitterkalt. Total durchgefroren erreiche ich mit letzter Kraft die Junction zum Dempster-Highway. In frostiger Vollmondnacht baue ich hier auf dem Campground mein Zelt auf. Sam ist Musiker und arbeitet hier auf der Lodge. „Hier Klaus, trink erstmal einen heißen Kakao und wärme dich auf! Morgen sehen wir uns beim Frühstück…… ich lade Dich ein!“

In Dawson-City komme ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Zurzeit findet hier das Festival of Arts statt und alles ist so schön bunt hier! Aus den Bars dringt das Geklimper alter Pianos und der Wind wirbelt den Staub durch die Gassen.
Auf den Boardwalks schlendere ich durch die Stadt mit ihren alten, durch den Permafrost, bedingt abgesackten  Holzhäusern.
Fast so, denke ich, muss es hier vor mehr als hundert Jahren ausgesehen haben, zu Zeiten des großen Goldrausches. Klar besuche ich die Blockhütte von Jack London und auch die von Robert Service. Später als ich mit der Fähre rüber über den Yukon fahre, ruft mich der Kapitän auf die Brücke: „Hier halt mal“, und drückt mir dabei das Ruder in die Hand. Auch er hat über mich und meine Tour aus der Zeitung erfahren. Prompt schenke ich auch ihm einen Satz Kölner-Festabzeichen. Als ich dann einen Tag später erneut die Fähre nutze, kommen mir mit Stolz geschwellter Brust zwei seiner Crewmitglieder entgegen. Beide tragen jeweils eines der Kölner Festabzeichen.
Der Kapitän hat „die Beute“ mit seinen Jungs geteilt! Das nenne ich Kameradschaft!

Top of the World Highway:

Nie zuvor habe ich Einsamkeit gerochen! Hier höre ich sogar mein Herz klopfen. Weite, weite Einsamkeit.
Nichts außer Nichts! Du bist sooo groß Yukon und erbarmungslos! Kaum ein Auto kommt und der Regen wird stärker, und aus Regen wird Hagel. Aus meinem Vorhaben, heute noch die Border nach Alaska zu erreichen, wird nichts werden. Etwa 40 km vor der Grenze rette ich mich, klitschnass und halb erfroren, auf ein Rest Area. Hier kauere ich auf gerade mal einem Quadratmeter vor dem Eingang des Klos und überstehe die frostige Nacht im Bärenland.
Aus der Ferne ruft eine Eule, und Kojoten stimmen ein zum „Nachtgesang“. Außer mir ist niemand hier. Niemand!


Born in the USA:

4 Meilen hinter Poker Creek, der Grenze zu Alaska, liegt Boundary. Drei Hütten, ein Cafe und Jim. Jim ist Gold-Digger und lebt 3-4 Monate hier im Jahr mit seinen zwei Söhnen und Adam, einem Arbeiter. „I am not from USA, i am a real Alaskan“! Jim hat eine Gold Dredge und ja, er findet Gold und zeigt es mir. Ein verrückter Pirat mit großem Herz! „Du willst doch heute nicht mehr nach Chicken fahren Klaus, Klitschnass wie du bist wirst du nicht überleben in den Bergen!du kannst in meiner Blockhütte übernachten. Und so bleibe ich hier und aus einem werden zwei Tage. Zwei unvergessliche Tage! Zum Abschied schenke ich Jim einen Orden, der Kannendrießer aus Colonia. Als er den Orden von mir bekommt, kann er sich vor Lachen kaum halten. Der bekommt einen Ehrenplatz meint Jim und hängt ihn über seinen Kühlschrank. Einer der beiden Söhne  fährt heute nach Tok um Ersatzteile für die Raupe zu besorgen und da die Schlammstraße, der Taylor-Highway, durch den Dauerregen für mich und meinen Anhänger unpassierbar geworden ist, nimmt er mich mit. Als wir losfahren blicke ich zurück. Und noch aus weiter Ferne kann ich sie ausmachen, die Totenkopf-Flagge über Jim’s Blockhütte.

Hier in Alaska laufen die Uhren tatsächlich anders und die Menschen lassen alles einen Tick gemächlicher angehen.
Auf dem Highway, Richtung Glennallen, halte ich an einer Road Construction. Neben mir stoppt ein uralter T2 VW-Bus. Mike Strang dreht das Fenster runter und interessiert sich für meine Tour. Als es dann weitergeht, hält er mir seine Adresse entgegen: „Komm vorbei, wenn du durch Wasilla fährst“!
Zwei Wochen später sollten wir uns wieder sehen. Auf seinem Autohof stehen weitere 16 VW-Busse und warten auf eine Restaurierung.

Auf dem Thompson Pass kommt mir eine Herde Radfahrer entgegen. Als sie mich passieren, ruft einer „phantastic“,
eine andere „be paiste you are strong“. Ja, denke ich, wo sie recht hat….! Nach weiteren 5 km erreiche ich den Top. Leider ist es schon nach 23.00 Uhr, zu dunkel und nebelig aber an den Umrissen lässt sich erahnen, durch welche
herrliche Gletscherwelt ich hier fahre. Ich sehe die Hand kaum vor Augen als ich nach rasanter Abfahrt durch die Nacht, etwa 400 bis 500 m niedriger, den Campground erreiche. Fog, Nebel des Grauens! Und die Gletscher zeigen mir ihre
eiskalte Schulter……

Valdez:

Natürlich fallen mir die Bärentraps auf, als ich einen Tag später auf dem Gouvernment Camp in Valdez mein Zelt aufschlage. Meistens markiere ich meinen Zeltplatz mit Urin. D.h. schlicht und einfach, ich stecke mein Territorium ab. Doch es ist Lachs-Zeit und erhöhte Vorsicht geboten. Ich kann die Nacht nicht einschlafen und so döse ich, den Kopf auf meinen Arm gestützt, vor mich her, als ich plötzlich ein lautes Schnauben höre. Er ist da! Offensichtlich schnuppert der Bär an meinen Markierungen. Ich greife zum….., na wo ist es denn!? Scheiße, ich habe mein Bärenspray am Fahrrad gelassen! Da kommt er schon an mein Zelt, und? Nichts! Er schnuppert kurz und geht laut schnaubend weiter. Das wäre noch mal gut gegangen!

 

Lee, die Editorin des Valdez Star, ist überaus interessiert an meiner Geschichte und lässt mir viel Zeit für meine Ausführungen. Zum Abschied bekommt auch Lee von mir einen Satz Kölner Festabzeichen und ich darf das ganze dokumentieren. Später bringt Lee einen, sowie ich meine, guten Artikel meines Abenteuers. Um meine Filmclips zu sichern, gehe ich in einen Computerladen und als ich nach einer preiswerten Übernachtung frage, ruft der Eigner des Ladens kurzerhand den Pfarrer an und so übernachte ich 2 Tage in einer Kirche in Valdez……Auch das ist Alaska!

Ich begegne ausgesprochen vielen freundlichen Menschen auf meiner Reise durch Kanada und Alaska. So z.B. der
Mitarbeiter der Alaska-Marine-Ferry, der mich durch den Tunnel von Withier nach Girdwood bringt. Oder Alwin, der mich für kleine Dollars in seinem Haus übernachten lässt. Da ist Brian, den ich im Alaskan Youth Hostel in Anchorage kennen lerne. Brian ( der Name ist verständlicher Weise geändert) war in Vietnam und erzählt mir vom Horror und der Nightmare, die ihn fast jede Nacht an seine Zeit auf dem Mekong erinnert und nicht schlafen lässt…… Etwa 80 km entfernt komme ich nach Wassila. Dort treffe ich Mike Strang, den VW-Bus Fan wieder. Mike ist bekannt wie ein bunter Hund hier in Alaska und als Mechaniker Spezialisiert auf die Reparatur alter VW-Busse und BMW-Motorräder .Ich selbst fahre ja auch so ein altes Schätzchen und so sind wir um Gesprächsstoff nicht verlegen. Wer weiß, vielleicht komme ich irgendwann zurück und fahre dann mit einem seiner 16 VW-Busse erneut durch Alaska…… Drei Tage verbringe ich in seiner Cabin, bevor ich aufgrund des anhaltenden Regens den Entschluss fasse, mit dem Zug nach Denali zu reisen.

Denali:

Wie im Rausch brennen die Sinne!
Kaum zu beschreiben dieses „Feuer“ Die Entscheidung, Denali doch zu besuchen, ist geradezu goldrichtig!  Mit dem
Green-Bus fahre ich die gut 80 Meilen hinauf zum Wonderlake. Jedes Mal, wenn die wachen Augen der Passagiere Wild entdecken, stoppt die Fahrerin den Bus und fordert mit ihrem: „Pssssst“ durchs Mikrofon die Insassen auf, ruhig zu bleiben und vor allem, die Hände und Köpfe nicht aus den Fenstern zu lehnen. So sehe ich an diesem Tag mehrere Elche, Dallschafe und genau drei Grizzlys, darunter einen besonders dicken, der wird den nächsten Winter garantiert überleben! Dann taucht er auf, der Mächtige, der große Weiße….Denali. Hier am Wonder-Lake –Campground harren die Fotographen der National Geographic tagelang aus um nur einmal, endlich, diesen wunderbaren Berg in seiner gesamten Schönheit ablichten zu können. Oft warten Sie umsonst, denn Denali zeigt sich meist nur selten in seiner ganzen Pracht!

Die Wälder stehen in „Flammen“, eindeutig zeigt der Spät-Herbst seine schönstes Kleid! Bis Nenana läuft alles sozusagen
glatt. Rückenwind, Sonnenschein, was will ich mehr. Doch schon am nächsten Tag geht es wieder aufwärts und unablässig schiebe ich meine Fuhre per Pedalkraft die Steigungen hinauf. Unterwegs wird mir klar: im hellen werde ich Fairbanks keinesfalls erreichen. Da entdecke ich plötzlich ca. 50 bis 60 Meter von mir einen Kojoten. Als er mich sieht, duckt er sich und verschwindet kurz….! Als ich ihn dann passiere, greift er an! Nur ein beherztes Ausweichen direkt nach links rettet mich vor einem Biss ins Bein. Ich brülle ihn an. Da bleibt er stehen und da ich mich gerade auf einer Abfahrt befinde, gebe ich Gas. Das ist doch nicht möglich. Kojoten greifen doch keine Menschen an !? Lange noch bleibt mir diese Begebenheit in Erinnerung. Zwei Wochen später erzählt mir jemand von den First Nation, dass sei in der Vergangenheit schon mal vorgekommen. In Saskatchewan ist ein Mann auf dem Traktor fahrend von einem Kojoten angegriffen worden. Es wird kalt. Ich ziehe meine Skihandschuhe über, denn ich habe eiskalte Finger. Meine Füße und Beine schmerzen vor Kälte als ich nach 22.00 Uhr die letzten 8 km die Berge nach Fairbanks hinunter fahre. Hier in Fairbanks werde ich schon von Peter Kamper erwartet. Peter ist Filmer des Yukon-Quest-Schlittenhunde-Rennen und Veranstalter von Kanutouren. Er bringt seine Teams zum Beaver Creek, zum Yukon und anderen Flussschönheiten. Peter hat übers Internet von meiner Unternehmung erfahren und mich dann kurzerhand zu sich eingeladen. Bei ihm und seiner Familie fühle ich mich auf Anhieb Pudelwohl. So lerne ich u.a. Gerd und Roven kennen, die soeben von ihrer dreiwöchigen Kanu-Wander-Tour ins „Hauptlager“ zurückgekehrt sind und viel zu erzählen haben. Dieses Jahr landeten sie einen Volltreffer der seltenen Art! "Wir haben sogar einen Puma gesehen"! Die beiden ausgesprochen sympathischen Abenteurer stammen aus dem Odenwald, sind seit Jahren mit Peter Kamper befreundet und ordern Ihre Kanu-Abenteuer immer bei Peter hier in Fairbanks. So sitzen wir abends am Lagerfeuer, essen Rovens herrlichen ungarischen Gulasch und erzählen uns von unseren Abenteuern hier in Alaska. An diesem Abend kann ich sie dann auch das erste mal sehen…..Nordlichter.
Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Fortsetzung folgt!

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Kommentar

Kommentar von Opitz Christine |

Hallo Klaus,
das war ein Abend heute,
spannend, interessant.
Hatte mir schon lange vorgenommen, Deine Berichte zu lesen, heute war es soweit.
Mann, was Du da geleistet hast, es ist enorm. Das Wetter, die Bärbegegnungen, aber die tollen Menschen. Das kenne ich, als ich 3 Wochen in Alaska mit dem Auto unterwegs war, ich kenne auch viele Strecken, die du gefahren bis, auch den Thompson Pass, Valdez, Peter kamper habe ich in Fairbanks verpasst, diese Einsamkeit, hatte nicht mehr viel Zeit, zu warten, weil ich in Dawson am übernächsten Tag verabredet war, Du, ich bewundere Dich sehr, diese Kälte, ...nun freue ich mich noch mehr auf Deinen Film, schön haste das geschrieben.
Liebe Grüsse Christine